Wenn KI-Agenten für uns lernen

Warum die Online-Bildung vor ihrer größten Krise steht

Beatrix Lang

14. Januar 2026

Künstliche Intelligenz in Lehre und Weiterbildung

Professorin, Studiengangsleiterin, Stabstellenleiterin – E-Learning, Wissensmanagement und Künstliche Intelligenz

Barbara Geyer
https://barbarageyer.substack.com/

„Du glaubst nicht, was ich deinen Studierenden gerade gezeigt habe.“

Ronald steht in der Tür, Kaffeebecher in der Hand, sichtlich begeistert. Es ist Infonachmittag an der Hochschule Burgenland, Pause zwischen den Lehrveranstaltungen. Ronald ist Lektor in meinem Masterstudiengang E-Learning und Wissensmanagement und ich hatte ihn gebeten, meinen Studierenden beizubringen, wie KI-Agenten funktionieren. Jetzt erzählt er mir, was sie gelernt haben. Wie Agenten Online-Selbstlernkurse für sie absolvieren können. Automatisiert. Ohne dass sie selbst lernen müssen.

Mein erster Gedanke war großartig, genau das wollte ich. Mein zweiter Gedanke war verdammt, was habe ich getan.

Denn in meinen eigenen Lehrveranstaltungen nutze ich genau solche Online-Selbstlernkurse als Aufgabenstellung für die Fernlehre. Genau die Art von Kursen, die KI-Agenten jetzt automatisiert absolvieren können. Ich bin nicht nur Beobachterin dieser Entwicklung, ich bin unmittelbar betroffen. Noch am selben Abend habe ich es selbst ausprobiert. Mit dem Agentmodus von ChatGPT habe ich einen ganzen Online-Kurs absolvieren lassen, ohne dass ich selbst etwas gelernt habe.

Ich dachte, ich bereite meine Studierenden auf die Zukunft vor. Ich wollte sie fit machen für die Arbeit mit KI in ihren Organisationen. Stattdessen habe ich ihnen vielleicht beigebracht, Lernen zu umgehen, den kognitiven Prozess auszulagern, ihre eigene Entwicklung zu delegieren.

KI-Agenten sind nicht einfach wie ChatGPT, mit dem man chattet. Agenten sind KI-Systeme, die mehrere Schritte automatisiert hintereinander ausführen, ohne dass ein Mensch jedes Mal neu eingreifen muss. Ein konkretes Beispiel: Ein KI-Agent meldet sich auf einer Lernplattform an, öffnet Modul 1, liest das Material oder simuliert zumindest das Lesen, beantwortet die Quizfragen am Ende, geht weiter zu Modul 2, wiederholt den Prozess, bis der Kurs abgeschlossen ist, und lädt am Ende das Zertifikat herunter. Der Agent macht das für dich. Du schaust zu. Oder schläfst. Oder bist gar nicht am Computer.

Das funktioniert heute schon mit ChatGPT Plus für etwa 20 Euro im Monat oder mit Claude Max, der allerdings teurer ist. Tutorials dazu finden sich im Netz. Was das für Selbstlernstrecken und Online-Tests bedeutet, ist dramatisch. Jeder Online-Kurs ohne Live-Komponente ist kompromittiert. Jeder automatisierte Test mit Multiple Choice oder Lückentexten ist wertlos geworden. Jedes Badge, jedes digitale Zertifikat ist zweifelhaft. MOOCs, E-Learning-Module in Unternehmen, Corporate Training, Weiterbildungszertifikate. Die gesamte Infrastruktur der asynchronen, skalierbaren Bildung steht auf dem Spiel.

Die Zeit der Monster

Als mir das Ausmaß dieser Entwicklung bewusst wurde, musste ich an ein Zitat denken, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Es stammt von Antonio Gramsci, einem italienischen Marxisten, der es zwischen 1926 und 1937 in seinen Gefängnisheften schrieb, während draußen Mussolinis Faschismus erstarkte. „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.“ Gramsci beschrieb eine Übergangszeit. Das Alte funktioniert nicht mehr, das Neue existiert noch nicht, und in diesem Vakuum entstehen gefährliche Phänomene. Wenn ich mir unseren Bildungssektor im Jahr 2025 vorstelle, fühle ich mich an genau diese Beschreibung erinnert.

Die alte Welt, das waren Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen als Orte individuellen, kognitiven Trainings, Online-Kurse als demokratisierender Zugang zu Bildung für alle, Zertifikate als verlässlicher Nachweis von Kompetenz, Assessment als Messung echter Leistung. Die neue Welt ringt um ihre Geburt, und es ist noch völlig unklar, welche Gestalt sie annehmen wird. Aber die Monster sind bereits da. KI-Agenten, die für Lernende den Lernprozess durchlaufen. Die Erosion intrinsischer Lernmotivation. Und etwas, das ich die kognitive Bifurkation nenne.

Bifurkation bedeutet, dass sich eine Entwicklung in zwei grundverschiedene Richtungen aufspaltet. Wie ein Fluss, der sich in zwei Arme teilt. Anfangs sind die beiden Arme noch nah beieinander, aber je weiter sie fließen, desto größer wird die Distanz und am Ende münden sie in völlig verschiedene Meere. Genau das passiert gerade mit Lernenden. Wir stehen an einem Punkt, an dem sich Schülerinnen und Schüler, Studierende, Weiterbildungsteilnehmende und Auszubildende in zwei Gruppen aufteilen. Die erste Gruppe lernt wirklich. Sie nutzen KI als Werkzeug zur Vertiefung, durchlaufen selbst einen kognitiven Prozess und trainieren ihr Gehirn. Dadurch entwickeln sie sich weiter und wachsen intellektuell. Sie verstehen Zusammenhänge, können adaptieren, kreativ kombinieren. Die zweite Gruppe lagert Lernen aus. Sie lassen KI-Agenten für sich arbeiten, sammeln Credits und Zertifikate, aber keine Kompetenzen. Ihr Gehirn bleibt untrainiert. Sie verstehen das Gelernte nicht wirklich und können es nicht anwenden. Dadurch bleiben Sie kognitiv zurück, ohne es zu merken.

Das Fatale daran ist, dass beide Gruppen derzeit noch dieselben Abschlüsse bekommen können. Der Unterschied wird erst später sichtbar, im Job, in komplexen Situationen, wenn wirklich gedacht werden muss. Und die Systemlogik dahinter ist brutal einfach. Warum sollten Lernende 40 Stunden in einen Online-Kurs investieren, wenn ein Agent das in 40 Minuten erledigt? Solange wir den Output statt den Prozess bewerten, solange wir automatisierte Tests als valides Assessment akzeptieren, solange wir Credits für abgegebene Produkte vergeben, statt für nachweisbare Denkprozesse, ist es rational, KI-Agenten zu nutzen. Das ist keine moralische Schwäche der Lernenden, das ist die logische Konsequenz eines Systems, das die falschen Signale setzt.

Der Kollateralschaden ist enorm. Die demokratisierende Vision der Online-Bildung, nämlich der Zugang für alle, überall, jederzeit und zu erschwinglichen Preisen, droht zu kollabieren. Oder, schlimmer noch, sie verwandelt sich in eine bedeutungslose Credential-Fabrik, in der alle so tun, als würde gelernt, aber eigentlich weiß jeder, dass es nicht stimmt. Eine Version der Zukunft ist leider klar. Es wird wenige geben, die viel verstehen, und viele, die nichts wissen, weil sie nie gelernt haben, zu lernen.

Ich habe die Büchse der Pandora geöffnet!

Diese düstere Aussicht ist für mich nicht abstrakt. Ich stecke selbst mittendrin. Natürlich kannte ich den Unterschied zwischen AI-augmented learning, bei dem KI mein Denken erweitert und meinen Lernprozess unterstützt, und AI-substituted learning, bei dem KI meinen Denkprozess ersetzt und ich selbst nichts mehr lerne. Theoretisch war mir das klar, als ich Ronald bat, meinen Studierenden die KI-Agenten zu zeigen. Was mir nicht klar war, sind die konkreten Auswirkungen auf meine eigene Lehre. Dass meine Selbstlernstrecken, meine Online-Aufgaben, meine Fernlehre-Konzepte plötzlich kompromittiert sind. Ich wollte ihnen beibringen, KI als Denkwerkzeug zu nutzen. Vielleicht habe ich ihnen stattdessen gezeigt, wie sie das Denken ganz auslagern können.

Mir ist die Ironie meiner Position nicht entgangen. Ich forsche zur Nutzung von KI in der Lehre. Ich schule Lehrende und Studierende im verantwortungsvollen KI-Einsatz. Ich leite den Masterstudiengang E-Learning und Wissensmanagement und bringe meinen Studierenden bei, wie sie mit KI Lernumgebungen gestalten. Und jetzt lasse ich Ihnen zeigen, wie KI-Agenten Online-Kurse absolvieren können, ohne dass dabei jemand etwas lernt.

Warum ich das trotzdem nicht bereue? Weil Naivität gefährlicher ist als eine unbequeme Wahrheit. Lehrende, die glauben, ihre Online-Tests seien sicher, sind Teil des Problems. Nur wer versteht, was technisch möglich ist, kann anfangen, ehrliche Lösungen zu entwickeln. Diese Entwicklung wird kommen, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nicht, ob wir sie aufhalten können, sondern wie wir uns darauf einstellen.

Wir haben vielleicht noch 12 bis 24 Monate, bevor KI-Agenten im Bildungsbereich so normal sind, wie heute ChatGPT. Was auf dem Spiel steht, ist enorm. Die Legitimität von Abschlüssen und Zertifikaten. Die gesamte Infrastruktur der skalierbaren Online-Bildung. Bildungsgerechtigkeit. Die kognitive Entwicklung einer Generation. Der gesellschaftliche Wert von Expertise. Die üblichen Reflexe führen dabei in Sackgassen, was zu Problemen führen kann. KI zu verbieten ist unmöglich und befeuert nur den verdeckten Einsatz. Eine totale Überwachung ist dystopisch, teuer und trotzdem umgehbar. KI-Detection ist technisch gescheitert und das Wettrüsten bereits verloren. Und nur noch Präsenzprüfungen anzubieten, ist nicht skalierbar und schließt viele aus.

Was wir tun können

Was wir nicht wollen, ist klar. Eine Zweiklassenbildung, in der Elite-Institutionen mit teurer, persönlicher Betreuung echte Kompetenz vermitteln, während Massenhochschulen und Online-Angebote zu bedeutungslosen Credential-Fabriken werden. Das wäre das Ende der demokratisierenden Vision, die Online-Bildung einmal hatte.

Also müssen wir anders denken. Das beginnt beim Assessment. Wenn wir nur das Endprodukt bewerten, haben KI-Agenten leichtes Spiel. Wenn wir den Prozess sichtbar machen, wird es schwieriger. Lerntagebücher, in denen Studierende dokumentieren, wo sie gescheitert sind und wie sie es gelöst haben, zeigen mehr, als jede Abschlussarbeit. Iterative Portfolios machen die Evolution des Denkens sichtbar. Peer-Teaching zwingt zur echten Auseinandersetzung, denn nur, wer etwas anderen erklären kann, hat es wirklich verstanden. Das sind keine neuen didaktischen Ideen, aber sie gewinnen plötzlich eine neue Dringlichkeit.

Gleichzeitig werden synchrone Elemente unverzichtbar. Kurze Live-Check-Ins funktionieren auch online, bei Live-Problemlösungen zeigen Lernende ihren Denkprozess und in kollaborativen Formaten arbeiten sie in Echtzeit zusammen. Echte Zusammenarbeit ist schwer zu simulieren. Das bedeutet nicht, dass wir alles auf Präsenz umstellen müssen, aber eine kluge Mischung wird nötig sein. Der größere Teil kann selbstgesteuert mit KI-Unterstützung stattfinden, ein kleinerer Teil sollte live, dialogisch und nachweisbar in Eigenleistung erfolgen.

Die größte Herausforderung bleibt jedoch der Kampf um die intrinsische Motivation. Warum sollte jemand wirklich lernen wollen, wenn ein KI-Agent die Arbeit erledigen kann? Die Antwort liegt in der Relevanz. Wer echte Probleme löst, statt nur Credits zu sammeln, versteht den Wert des eigenen Denkens. Wer eigene Fragen verfolgen kann, erlebt Autonomie. Wer Lernen als Gemeinschaftsprozess erfährt, statt als isolierte Pflichtübung, bleibt dabei. Und wer versteht, dass das Erweitern des eigenen Denkens der eigentliche Gewinn ist, wird das weniger leichtfertig an KI-Agenten delegieren.

Unsere Rolle als Lehrende verändert sich dabei grundlegend. Die reine Wissensvermittlung können KI-Systeme oft besser als wir, aber Lernbegleitung können sie nicht ersetzen. Fragen stellen, Widersprüche aufzeigen, zum Nachdenken bringen, das bleibt unsere Aufgabe. Nicht mehr: Ich bringe euch Wissen bei, sondern: Ich helfe euch, euer Denken zu trainieren. Das ist anspruchsvoller, aber auch erfüllender.

Mitbauen statt zusehen

Diese neue Rolle als Lernbegleiterin nehme ich an, und ich gehe noch einen Schritt weiter. Wenn meine bisherigen Lehrkonzepte nicht mehr funktionieren, dann will ich sie kontrolliert sprengen, statt ihnen beim langsamen Zerfall zuzusehen. Denn dann kann ich mitbestimmen, was auf diesen Trümmern neu gebaut wird. Meine Studierenden nehme ich auf dieser Reise mit, sie sollen später selbst E-Learning in Organisationen gestalten, und dafür müssen sie die Transformation nicht nur beobachten, sondern verstehen und aktiv mitgestalten. Das gilt auch für die Lehrenden und Trainer, die ich schule, denn nur, wer die Werkzeuge kennt, kann klug mit ihnen umgehen.

Das Alte geht unter, ein Vakuum entsteht und das ist gefährlich. Die Monster erscheinen, wie Gramsci es beschrieb. Aber gleichzeitig entsteht auch etwas Neues, etwas, das wir mitentwickeln können, wenn wir es nicht den Monstern überlassen. Diese Gleichzeitigkeit müssen wir aushalten, das Vakuum anerkennen, die Gefahr nicht leugnen und trotzdem die neuen Möglichkeiten gestalterisch nutzen.

Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster

Aber es ist auch die Zeit der Gestalterinnen und Gestalter. Ich gehöre zu denen, die nicht nur zusehen, sondern mitbauen wollen, auch wenn das bedeutet, dass ich manchmal selbst die Sprengladungen lege. Das Bauen macht Spaß, und auf dieser Baustelle ist jeder willkommen, der mitmachen will.